
Ein altes Bild, schlecht belichtet und vergilbt, zeigt zunächst einmal eine Lokomotive, die einen anderen Weg als die Schienen genommen hat. Hinter der Lok ist ein Gepäckwagen zu erkennen. Zumindest ist die Ansichtskarte gestempelt, die Rückseite zeigt den Bahnpoststempel eines Zuges von Hude nach Nordenham am 09.09.1905.
Da solche Bilder meist nur in sehr kleiner Auflage als Ansichtskarten gedruckt und üblicherweise auch nur lokal vertrieben wurden, engt dies die weitere Suche schon einmal deutlich ein.
Die Lokomotive
Mit einem Programm zur Fotobearbeitung lassen sich Kontraste erhöhen, das Bild aufhellen und so einige Details entlocken. Es handelt sich um die oldenburgische Lokomotive Nr. 99 „WERRA“, die 1895 bei Hanomag unter der Fabriknummer 2713 gebaut wurde. Damit wäre die Lokomotive, eine B-PL schon einmal identifiziert.
Das Unglück
Um was für einen Unfall es sich handelte, kann möglicherweise in alten Zeitungen nachgelesen werden. Die Landesbibliothek Oldenburg hat die „Nachrichten für Stadt und Land“ aus dem Großherzogtum digital und durchsuchbar bereitgestellt. Nach nicht allzu langer Suche findet sich dort in der Ausgabe vom 30.09.1905 der Bericht über einen Unfall vom Tag zuvor:
Ein noch glücklich verlaufendes Eisenbahnunglück von großem Umfange hat unsere Oldenburgische Eisenbahn betroffen über das wir folgenden bahnamtlichen Bericht wiedergeben:
Am 29. d.M., vormittags gegen 11:45 Uhr ist der fahrplanmäßig 10 Uhr 58 Min. vormittags von Hude nach Nordenham fahrende Schnellzug 47a bei Kilometer 36 (etwa 2 Klmtr hinter der Station Rodenkirchen) entgleist. Der Zug ist nach der Entgleisung noch etwa 60 Meter weitergefahren; die Lokomotive ist dabei den etwa einen halben Meter hohen Bahndamm hinunter gelaufen und vor einer Erdböschung des hier rechtwinklig umliegenden Bahngrabens in aufrechter Stellung zum Stillstand gekommen. Der hinter der Lokomotive laufende Packwagen stand nach der Entgleisung auf der Böschung des Bahndammes, der dann folgende Wagen 1. und 2. Klasse zum Teil auf der Böschung, zum Teil auf dem Bahndamm; er hatte sich etwa im Winkel von 45 Grad auf die Seite geneigt. Von den beiden am Schluß des Zuges laufenden Wagen 3. Klasse stand der vordere ebenfalls zum Teil auf der Böschung, zum Teil auf dem Bahndamm, der hintere auf dem Bahndamm neben den Schienen. Der Lokomotivführer hatte kurz vor der Entgleisungsstelle den Dampf abgesperrt, infolgedessen ist die Entgleisung ohne große Gewalt vor sich gegangen und es hat insbesondere kein Ineinanderschieben der Wagen stattgefunden. Hierdurch sind glücklicherweise die Fahrgäste und das Personal vor Verletzungen bewahrt geblieben. Durch einen von Oldenburg abgelassenen Hilfszug wurden die Aufräumungsarbeiten alsbald in Angriff genommen und sind so weit gediehen, dass die Streckensperrung heute Mittag beseitigt ist. Die Ermittelungen über die Ursache der Entgleisung sind noch im Gange, als solche kommt ein Schienenbruch in Betracht, da sich eine gebrochene Schiene vorgefunden hat, außerdem wird jedoch aus den Trümmern des Geleises und dem Zustand der anschließenden Strecke unter Hinzuziehung eines Auswärtigen höheren Technikers zu ermitteln versucht, ob das Gleis an der Unfallstelle Mängel hatte.
Die Nerven der Zeitungsleser sind seit den Tagen der grässlichen Ingolstädter, Spremberger und Altenbekener Unfälle wieder einmal scharf auf Eisenbahnunglücksfälle. Wir haben es hier mit einem unglaublichen Glücksfalle zu tun: Wo entgleist ein Schnellzug mit 70 Kilometer Geschwindigkeit, ohne daß ein Menschenleben dabei auch nur in Gefahr gerät! Der Materialschaden ist ja allerdings bedeutend aber was will das sagen gegen die Bewahrung vor solchen Unfällen, die die letzten Eisenbahnunfälle so grausig gestalteten! Man zollt in Fachkreisen dem Führer der Maschine, den Ersatz-Lokomotivführer Keller-Hude alles Lob für sein besonnenes Verhalten. Er sowohl, wie auch der Heizer, blieb auf der Maschine und taten alles, um die Gewalt des Unfalles zu mildern. In einer Notiz der „Nwdtsch. Zeitung“ werden vermorschte Schwellen als die Veranlassung der Entgleisung bezeichnet. Tatsache ist, dass an der betr. Stelle Schienen und Schwellen ausgewechselt wurden. Unser Berichterstatter aus Rodenkirchen schildert die Sache folgendermaßen:
Rodenkirchen, 29. Aug. Eisenbahnunfall. Der hier etwas vor 12:00 Uhr mittags durchfahrende Schnellzug ist unweit der Station Rodenkirchen entgleist, und zwar 300 Meter jenseits der Stelle, wo das Geleise die Chaussee Rodenkirchen-Esenshamm im Orte Hartwarden kreuzt. Glücklicherweise ist ein Verlust an Menschenleben nicht zu beklagen. Als ein Wunder aber ist es zu bezeichnen, daß auch niemand verletzt worden ist. Der Materialschaden ist bedeutend. Die Lokomotive liegt im Bahngraben, die Personenwagen sind bis auf zwei entgleist. Wie verlautet, haben Lokomotivführer und Heizer gleich nach Passieren der Station Rodenkirchen gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung sei, und alsbald Gegendampf gegeben. So erfolgte die Entgleisung bei bedeutend verringerter Fahrgeschwindigkeit. Sonst hätte der Unfall schreckliche Folgen haben können. Allerdings war der Zug nur mit etwa 30 Personen besetzt. Ob die Entgleisung auf einen Defekt an der Maschine oder auf eine schadhafte Stelle im Schienenstrang zurückzuführen ist, wird die amtliche Untersuchung alsbald ergeben. Der Verkehr wird vorläufig durch Umsteigen aufrechterhalten. Die Postsachen müssen in Hardtwarden verladen werden.
Um zu einem unparteiischen Gutachten über die Entstehung der Entgleisung bei Rodenkirchen zu gelangen, hat das Staatsministerium die Königliche Eisenbahn-Direktion Hannover um Entsendung eines Sachverständigen ersuchen lassen. Dieser wird heute an Ort und Stelle die Ursache der Entgleisung prüfen.

„Nwdtsch. Zeitung“ ist die Nordwestdeutsche Zeitung. Diese konnte ich nicht in digitaler Form finden. Allerdings findet sich sogar in der weit entfernten Hauptstadt Berlin in der „Deutschen Zeitung“ am 30. August 1905 eine kurze Notiz zu diesem Unfall.
Berichte über den weiteren Verlauf in den Zeitungen
Auch in den folgenden Tagen wurde über die Ermittlung der Unglücksursache berichtet. In den „Nachrichten für Stadt und Land“ ist am 31.08. zu lesen:
Zu der Rodenkirchener Schnellzugs-Entgleisung
Von der Eisenbahndirektion geht uns folgender Bericht zu:
Gestern Nachmittag hat an Ort und Stelle bei Rodenkirchen eine abermalige Untersuchung über die Ursachen der Entgleisung des Schnellzuges Hude-Nordenham vom 29 d.M. stattgefunden. Geleitet wurde die Untersuchung durch den Königl. Regierungs- und Baurat Holverscheit von der Königl. Eisenbahndirektion Hannover, welche das Großherzogliche Staatsministerium noch am 29. d.M. um Entsendung eines Sachverständigen hatte ersuchen lassen, um ein Gutachten von gänzlich unbeteiligter Seite zu erhalten. Die Königl. Eisenbahndirektion hatte dem Beamten selbst bestimmt. An der Untersuchung nahmen die beiden Eisenbahnreferenten des Staatsministeriums, der Eisenbahndirektor mit seinen Technikern und der Staatsanwalt Becker teil. Nach dem Ergebnis der mehrstündigen Prüfung ist nicht anzunehmen, daß Mängel in der Beschaffenheit und Lagerung der Schwellen oder in der Befestigung der Schienen auf den Schwellen oder in den Stoßverbindungen der ersteren untereinander die Entgleisung herbeigeführt haben; wahrscheinlich entstand sie infolge des nach Befund mutmaßlich neuen Bruches einer Schiene.
Da danach ein strafbares Verhalten irgend eines Eisenbahnbeamten nicht in Frage kommt, hat die Staatsanwaltschaft das von ihr eingeleitete Ermittelungsverfahren eingestellt.
Es wird aber auch von den Bergungsarbeiten berichtet und dass der Unterbau, also Schwellen und Schienen wohl doch nicht in so gutem Zustand gewesen sein sollen:
[…] Nachdem die Reisenden mit einem Hilfszuge, der von Nordenham abgelassen wurde, von der Unfallstelle abgeholt und weiterbefördert waren, wurden sofort telegraphisch Hilfsmannschaften für die Aufräumungsarbeiten beordert. Von der Eisenbahndirektion trafen mehrere Beamte zu ihrer Leitung ein, auch wurden sofort weitere Anordnungen zur Aufrechterhaltung des Betriebes getroffen. Der Verkehr wird an der Unfallstelle durch Umsteigen aufrechterhalten, da die Strecke eingleisig ist. Die Aufräumungsarbeiten werden sehr intensiv betrieben und konnten im Laufe des Nachmittags bereits zwei Wagen auf provisorische Geleise gebracht werden. In der Nacht dauerten die Arbeiten fort, der Beleuchtungswagen der Eisenbahnwerkstätte lieferte an der ganzen Unfallstelle elektrisches Licht. Die Strecke wurde bis heute Mittag soweit betriebsfertig, daß das lästige und störende Umsteigen an der Unfallstelle vermieden wird.
Unser Mitarbeiter schreibt uns aufgrund seiner eigenen Beobachtungen:
Rodenkirchen, 30. Aug. Die infolge der Entgleisung des Schnellzuges erforderlichen Aufräumungsarbeiten sind verhältnismäßig rasch von statten gegangen. Sämtliche Personenwagen sind ins Geleise zurückgehoben und nach Rodenkirchen befördert worden. Lokomotive und Tender liegen noch im Bahngraben. Den Tender hofft man morgen heben zu können. Die Hebung der Maschine, die sich tief in den Marschboden eingewühlt hat, wird voraussichtlich erst in einigen Tagen erfolgen können. Über die Ursache des Unfalls herrscht hierorts nur einerlei Ansicht. Diese geht dahin, das das Schienen- bezw. das Schwellenmaterial der betreffenden Strecke durchaus mangelhaft war. Schon mit bloßem Auge ist allerdings die unegale Lage des Schienenstranges wahrnehmbar. Viele Schwellen der in Betracht kommenden Strecke sind durchaus aufgebraucht und abgenutzt. Man kann an manchen Stellen mehrere Zentimeter tief mit dem Taschenmesser in das morsche Schwellenholz hineinstechen. Verschiedene Reisende des verunglückten Zuges haben sich Stücke des morschen Schwellenmaterials mitgenommen. Auch sind die Schienen an vielen Stellen nur mit einem Nagel auf den Schwellen befestigt, wo zwei Nagelstellen vorgesehen sind. Man sollte es nicht für möglich halten, daß dergleichen auf Strecken, für die man erst neuerdings Schnellzugverkehr eingerichtet hat, vorkommen könnte. Die amtliche Untersuchung wird ja das Weitere ergeben, jedenfalls aber eine Mangelhaftigkeit des Quellenmaterials der betreffenden Strecke nicht in Abrede stellen können.

Bereits am 30.08. konnte der Zugverkehr wieder aufgenommen werden, wie uns die „Nachrichten für Stadt und Land“ am 01.09.1905 verraten:
Rodenkirchen, 31. Aug. Die durch die Entgleisung des Schnellzuges stark beschädigte Fahrstrecke zwischen hier und Kleinsiel ist durch Legung neuer Schwellen und Schienen soweit wieder geordnet, daß schon am gestrigen Tage die Abendzüge wieder in gewohnter Weise verkehren konnten. Lokomotive und Wagen liegen noch an der Unglücksstätte, und es wird wohl besondere Arbeiten bedürfen, um dieselben in die Reparaturwerkstätten zu schaffen.

Am 07.09.1905 wird dann unter der Rubrik „Stimmen aus dem Publikum“ ein Leserbrief abgedruckt, der die Mängel an den Schwellen und den Verdienst des Lokpersonals noch einmal aufgreift.

Am 08. September wurde dann auch die Lokomotive geborgen und in die Werkstätten nach Oldenburg gebracht, wie wir der Zeitung am 09.09.1905 entnehmen können:
Die Lokomotive des vor kurzem bei Rodenkirchen entgleisten Schnellzuges ist wieder auf das Geleise gebracht worden. Die schwierigen Arbeiten wurden unter der Leitung des Werkführers Freese mit dem von hier beorderten Personal der Eisenbahnwerkstätte ausgeführt. Die Lokomotive hatte sich zirka 2 Meter tief in den Boden eingebohrt. Die Arbeiten wurden durch den Kleiboden und die ungünstige Wetterung sehr erschwert. Die Maschine ist gestern nach hier geschafft worden und wird in der Eisenbahnwerkstätte repariert werden. Die Reparaturkosten sollen nicht so erheblich sein, wie anfangs angenommen worden ist.

Rodenkirchen 8. Sept. Die bei dem Eisenbahnunfall bei Hartwarden in den Graben geratene Lokomotive wurde in voriger Nacht wieder aufgegleist. An der Unfallstelle war ein elektrischer Beleuchtungswagen von Oldenburg aufgestellt. Die Maschine soll nach fachmännischer Begutachtung ohne erhebliche Kosten wieder betriebsfähig gemacht werden können. Lokomotive und Beleuchtungswagen wurden mittels Sonderzuges nach Oldenburg befördert.
Noch fast 3 Monate nach dem Unglück wurde dieses erneut thematisiert, die „Nachrichten für Stadt und Land“ vom 24.11.1905 berichten über Verhandlungen im Eisenbahnausschuß. Auch hier wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass der Zustand von Schwellen und Gleisen zwar nicht der beste war, als Ursache wurde erneut der Schienenbruch genannt und durch das Gutachten bestätigt.
Immerhin gab der Unfall auch den Anlass, dass das Gleismaterial im gesamten Streckennetz der G.O.E. geprüft und gegebenenfalls den gestiegenen Anforderungen angepasst und umgebaut wurde.

Weitere Bilder und Ergänzungen

Zur Reihe der B-PL Lokomotiven, zu der auch die verunglückte „WERRA“ gehörte, gibt es hier noch weitere Informationen:
1894: Personenzuglokomotive
Nach wie vor setzten die Oldenburger auf B-Lokomotiven und beschafften auch 1894 noch diese Maschinen. Neben dem Verbundtriebwerk wiesen die Maschinen auch andere Besonderheiten auf.
Und zu der Strecke Hude – Nordenham noch diese Informationen:
1873/1875: Hude – Nordenham
Anbindung der oldenburgischen Hafenstädte Die Bahnstrecke wurde 1873 von Hude bis Brake, am 15. Oktober 1875 bis Nordenham eröffnet. Der Hafenumschlag sorgte für ein hohes Frachtaufkommen. Von 1890 bis […]
1873/1875/1904: Hude – Nordenham – Blexen: Streckenbeschreibung 1915
Jahresbericht über die Betriebsverwaltung der Oldenburgischen Eisenbahnen, 1915 Im Jahresbericht der oldenburgischen Eisenbahnen von 1915 befanden sich noch einmal alle Streckenbeschreibungen. Hier ist eine Abschrift dieser Beschreibung zu finden. […]





